Seelsorge bei Menschen mit Behinderung
inklusiv und familienorientiert


















 Interview mit Monika Schaufler beim "Film für alle"
 
 

Im Herbst 2021 wurde in der Citykirche in Reutlingen der Film "Blindsight" gezeigt. Über diesen Film und über die Arbeit von Monika Schaufler, die Blindenseelsorgerin in der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist, geht das folgende Interview.

Was macht eine Blindenseelsorgerin in der Diözese Rottenburg Stuttgart?

Seit mehr als 60 Jahren besteht in der Diözese Rottenburg-Stuttgart das Angebot der Seelsorge bei Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit.
In den vergangenen Jahren hat sich die Arbeit des Seelsorgers bei Menschen mit Seheinschränkungen stark verändert, vor allem auch dadurch, dass meine beiden Vorgänger Priester waren und in Heiligenbronn lebten und arbeiteten.

Heiligenbronn ist eine Einrichtung für Menschen mit verschiedenen Behinderungen, vor allem Hör- und Sehbehinderung. Auch ich habe dort viele Jahre gearbeitet. Nach dem Tod meines Vorgängers erhielt ich 2017 die offizielle Beauftragung für meine Arbeit als Seelsorgerin der Diözese. In Deutschland leben zur Zeit ca. 7 Millionen Menschen mit Seheinschränkungen bis hin zur Blindheit. Manche von ihnen sind von Geburt an blind oder stark sehbehindert, die allermeisten Menschen erblinden aber später. Wenn die Sehkraft nachlässt oder ganz schwindet kann das Leben auch innerlich dunkel werden. Das muss aber nicht sein. Daher ist es mir sehr wichtig, mit den späterblindeten Menschen in Kontakt zu kommen, vor allem auch, wenn die Frage: "Erblindung als Strafe Gottes" gestellt wird und das weitere Leben als beängstigend und sinnlos eingestuft wird.
Bei meiner Arbeit spielt glücklicherweise die Konfession keine Rolle.
Gern bin ich für die betroffenen Menschen da, um ihr Leid, ihre Ängste, ihre Sorgen und die durch die Sehbehinderung entstandenen Schwierigkeiten ernst zu nehmen und sie vor allem auch zu unterstützen in ihren Fragen nach dem Sinn des Lebens oder der Bewältigung des Alltags. Rechtzeitig die Gemeinschaft von Menschen zu suchen, die ähnliches durchlebt haben, ist eine große Hilfe für die Betroffenen. Daher arbeite ich eng mit den Regionalgruppen des katholischen Blinden- und Sehbehinderten Werkes Baden-Württemberg zusammen. Kontakt zu anderen Menschen, die in derselben Situation sind oder waren lassen sie erleben, dass das Leben trotz aller Einschränkungen noch sehr wertvoll ist und viel Freude beinhaltet. Eine Hilfe, um widrige Lebensumstände besser zu bewältigen. In meiner Arbeit unterstütze ich betroffene Familienmitglieder, Angehörige und interessierte Personen, vor allem auch Seelsorger z.B. bei der Vorbereitung zur Taufe, Erstkommunion oder Firmung.

Genügend Zeit für persönliche und telefonische Gespräche, Zeit zum Zuhören, reden und miteinander beten ist mir ein wichtiges Anliegen. Wenn gewünscht auch mit dem Angebot der Krankenkommunion. Zweimal jährlich biete ich Besinnungstage an, eine davon speziell für Menschen mit und ohne visuelle Einschränkungen, um vorhandene Barrieren abzubauen und neue Kontakte zu ermöglichen.

Nachdem es viele verschiedene Arten von Sehbehinderungen gibt, und Blindheit nicht immer völlige Blindheit (schwarzblind) ist, gibt es in der Bevölkerung viele Missverständnisse und auch Unterstellungen. Eine meiner Aufgaben besteht daher auch in der Aufklärung durch Fortbildungsangebote und Öffentlichkeitsarbeit.

Im Raum Biberach bieten wir inzwischen auch einen "offenen Stammtisch" für Betroffene an, bei dem ständig neue Hilfsmittel für den Alltag vorgestellt werden.

Menschen mit Seheinschränkungen oder Blindheit sind auf Menschen angewiesen, die mit ihnen das Sehen teilen, um z.B. einen besonderen Einkauf, Spaziergang oder Berg- Wanderung machen zu können. Daher ist eines meiner nächsten Projekte die Gründung eines Begleit-Pools, um den Betroffenen mehr Aktionsfreiheit zu ermöglichen.

Wenn Sie sich angesprochen fühlen, dann melden Sie sich bitte bei mir. Weitere Infos dazu hier

Wie hat sich Deine Arbeit durch Corona verändert?

In den vergangenen Monaten war es leider nicht mehr möglich, sich in Gruppen zu treffen. Daher hielten wir die Adventsfeiern in den verschiedenen Gruppen als Telefonkonferenz ab. Nachdem die TeilnehmerInnen dies positiv beurteilten, bieten wir auch Gottesdienste oder besinnliche Treffen an - alle per Telefonkonferenz.
Der Vorteil der Telefonkonferenzen ist, dass die Anfahrtswege wegfallen und bei den Angeboten daher alle teilnehmen können, egal aus welcher Region Baden-Württemberg sie kommen, bzw. zu welcher Regionalgruppe sie gehören.
Täglich bin ich mehrere Stunden am Telefon zu Gesprächen. Oft rufen mich Menschen an, die mit Ängsten und Traurigkeit behaftet sind.
Dann ist es schön, wenn ihre Stimme und sie selbst nach und nach wieder wieder froher werden.

Gab es so etwas wie eine Schlüsselstelle in dem Film für Dich?

Zu Beginn der Expedition hatten die total unterschiedlichen TeilnehmerInnen der Gruppe das Ziel, den Gipfel des Berges zu erklimmen. Für mich war einer der spannendsten Momente, in dem es darum ging, den Aufstieg abzubrechen oder nicht.
Einige der Jugendlichen, die wegen gesundheitlicher Störungen den Aufstieg kurz vor Erreichen des Zieles abbrechen mussten, würden wieder einmal das Gefühl des Versagens und Verlierens erleben; trotz der enormen Leistungen, die sie vollbracht hatten.
In der offenen Auseinandersetzung um die Zielsetzung der einzelnen Bergsteiger haben alle gelernt. Und können dadurch schlussendlich gemeinsam als Sieger den strapaziösen Weg zurückgehen.

Hast du ein besonderes Bild des Filmes im Gedächtnis. Wie würdest du es einem Blinden beschreiben?

Aus eigener Erfahrung habe ich vor manchen Wegen in den Bergen großen Respekt. So ist mir eine der Wegstrecken der Bergsteiger auf ihrem Weg zum Ziel im Gedächtnis geblieben:
Ein Junge geht hinter seinem Führer auf einem schmalen, steinigen Bergweg. Dort liegen auch größere Gesteinsbrocken, die leicht zur Stolperfalle werden können, obwohl der Führer darauf aufmerksam macht. Der enge Pfad fällt auf einer Seite steil ab und ein losgetretener Stein rutscht polternd in die Tiefe.

Welches Szene des Films würdest du gerne mit unserem Publikum besprechen?


Sonam arbeitet auf dem Feld mit und macht sich Gedanken über ihre Zukunft, wer sie später versorgen wird. Ihr Vater ist davon überzeugt, dass ein blinder Mensch weder arbeiten noch seinen Lebensunterhalt verdienen kann.
Sonam ist zuversichtlich, dass sie mit Hilfe, bzw. in der Gemeinschaft von Freunden und Führern, die mit ihr klettern, den Gipfel des Berges erreichen wird.
Ihr Selbstvertrauen überträgt sich auch auf ihren Vater. Er gibt ihr mit auf den Weg, dass für solch eine herausfordernde Bergtour genügend Willenskraft nötig ist und dass sie nicht zu schnell aufgeben soll.

Diese Szene ist für mich wichtig, weil ich immer wieder erlebe, dass Wertschätzung, Empathie und jemandem etwas zutrauen wesentlich zur positiven Entwicklung eines Menschen beiträgt und letztlich zu neuen Ideen, Visionen und Lebenswegen führt.